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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Gedanken vor der Bundestagswahl: Warum ich das System PKV einfach nur Scheiße finde

2 Kommentare

Selbstständig und beruflich durchaus erfolgreich – damit wäre ich eigentlich eine typische Kandidatin für die private Krankenversicherung. Wenn da nicht mein Typ-1-Diabetes wäre. Mit dieser Vorerkrankung will mich nämlich keine PKV als Mitglied aufnehmen. Ich habe einmal darüber nachgedacht, was mich an dieser Tatsache so alles stört.

Morgen in einer Woche wird ein neuer Bundestag gewählt. Die Gesundheitspolitik spielt im Wahlkampf keine besonders große Rolle und wird sicherlich auch in den Koalitionsverhandlungen nicht den Ton angeben – obwohl die Konzepte der aussichtsreichen Parteien für die Zukunft unseres Gesundheitssystems deutlich auseinanderklaffen. Grob gesagt: Geht es nach CDU/CSU und FDP, bleibt das bisherige duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung erhalten. SPD, Grüne und Linke wiederum wollen es durch eine Bürgerversicherung mit Pflichtmitgliedschaft für alle ersetzen. Private Krankenversicherer sollen nach diesen Plänen allenfalls Zusatzversicherungen anbieten dürfen. Wer es genauer wissen möchte, kann hier die Wahlprogramme der Parteien studieren.

Mich stört das duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung (PKV) schon seit geraumer Zeit, weil ich es als komplett unsolidarisch empfinde. Junge und gesunde Gutverdiener profitieren von einer Mitgliedschaft in der PKV, und vor allem für jüngere Selbstständige sind deren Tarife oft günstiger als eine freiwillige Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Doch wie sind in diesem System eigentlich chronisch kranke Selbstständige gestellt?

2003 war ich noch gesund – aber dummerweise im gebärfähigen Alter

Ich bin eine solche chronisch kranke Selbstständige. Im Jahr 2003 habe ich mich mit 33 Jahren als freie Journalistin selbstständig gemacht, damals hatte ich noch keinen Diabetes. Die Gesundheitsprüfung der PKV hätte ich seinerzeit locker gewuppt (Nichtraucherin, prima Blutwerte, keine familiäre Vorbelastung mit irgendwelchen schlimmen Dingen, mäßig sportlich und ernährungsbewusst) und wäre höchstwahrscheinlich als Mitglied mit geringen Gesundheitsrisiken eingestuft worden. Doch damals gab es noch keine Unisex-Tarife, sodass Frauen im gebärfähigen Alter deutlich höhere Prämien zu zahlen hatten als gleichaltrige Männer. Weil Schwangerschaft und Geburt nun einmal mit einer Menge medizinischer Betreuung einhergehen. Inzwischen dürfen PKV-Unternehmen keine unterschiedlichen Prämien für Männer und Frauen verlangen, es sind nur noch Unisex-Tarife erlaubt.

Geburtsjahr, Berufsstatus, gewünschte Tarifstruktur

Doch die Risikoselektion nach Vorerkrankungen ist geblieben. Und seit 2010 habe ich nun einmal Typ-1-Diabetes. Als Journalistin bin ich über die Künstlersozialkasse (KSK) gesetzlich versichert und zahle in Abhängigkeit von meinem Einkommen Beiträge in die Kranken-, Pflege- und gesetzliche Rentenversicherung ein; den Arbeitgeberanteil übernimmt die KSK. Doch was wäre eigentlich, wenn ich beruflich einen anderen Weg eingeschlagen hätte? Wenn ich nicht im weitesten Sinne künstlerisch tätig wäre, sondern zum Beispiel selbstständig einen eigenen Laden führen würde? Vor einer Weile versuchte ich deshalb einmal spaßeshalber herauszufinden, was mich die Vollversicherung in der privaten Krankenversicherung kosten würde. Ich rief die Internetseite der DKV auf, auf der man über einen Online-Beitragsrechner schon einmal eine grobe Idee zu den Tarifen bekommen kann. Andere Unternehmen habe ähnliche Beitragsrechner. Ich gab mein Geburtsjahr sowie meinen Berufsstatus an und klickte außerdem die Optionen „freie Arztwahl“ (anstelle von „zuerst zum Hausarzt“), „70% Zuschuss“ (statt 85%) beim Zahnersatz, „2-Bett-Zimmer“ (statt Einzel- oder Mehrbettzimmer) für das Krankenhaus, „keine Selbstbeteiligung“ (statt 400, 800 oder 1.600 Euro) an und verzichtete auf die „garantierte Behandlung durch Top-Experten“. Heraus kam ein stattlicher monatlicher Beitrag von 753,91 Euro. Wohlgemerkt nur für die Krankenversicherung, ohne Pflege- und Rentenversicherung.

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Ich würde einfach gern mal wissen, wie teuer die PKV für mich wäre…

Der Haken an der Sache: Man kann in diesem Online-Beitragsrechner keine Angaben zu Vorerkrankungen machen, obwohl diese den Tarif ganz maßgeblich beeinflussen. Ich schrieb daher ins Bemerkungsfeld, dass ich interessiert an einem Angebot sei und gern wüsste, zu welchen Konditionen die DKV mich als 47-jährige Typ-1-Diabetikerin versichern würde. Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf des örtlichen Versicherungsmaklers. Ich erklärte ihm wahrheitsgemäß, dass eine PKV-Vollversicherung für mich vermutlich nicht in Frage kommt, weil ich über die KSK bereits gut abgesichert bin. Dass ich aber gern einfach einmal wissen würde, wie teuer mich mit meinem aktuellen Gesundheitszustand eine PKV-Versicherung zu stehen käme.

Riskoabhängige Zuschläge auf den Grundbeitrag

Der Makler war sehr freundlich, konnte mir aber keine konkreten Angaben zu dem voraussichtlichen Tarif geben. „Wenn Sie uns einen Versicherungsantrag mit Angabe Ihrer Vorerkrankungen schicken, dann bitten wir Sie um ein ärztliches Gutachten, anhand dessen unsere Medizinexperten dann abschätzen können, wie teuer Ihre Versorgung für uns wäre“, erklärte er mir. Und je nachdem, wie diese Risikoabschätzung dann ausfällt, wären Zuschläge zu dem rein altersbezogenen Tarif möglich. Ich habe im Online-Beitragsrechner einen recht üppig ausgestatteten Tarif gewählt, meinte er. Wenn ich einer jährlichen Selbstbeteiligung von 800 Euro zustimmen würde, könnte ich den monatlichen Grundbeitrag auf gut 580 Euro drücken. Auf diesen Grundbetrag würden dann allerdings risikoabhängige Zuschläge erhoben, zu denen er mir aber zum jetzigen Zeitpunkt nichts Genaues sagen könne.

Unerwünschte Antragsteller hält die PKV sich mit Abwehrprämien vom Leib

Ich mochte trotzdem nicht lockerlassen und fragte: „Aber können Sie mir nicht eine ganz grobe Hausnummer nennen, wie hoch die Zuschläge in meinem Fall sein würden?“ Der Makler erklärte mir, dass PKV-Unternehmen Zuschläge von maximal 500% auf den Grundbeitrag erheben dürften. Verträge mit derart hohen Zuschlägen würden aber nur Antragstellern angeboten, die man ohnehin nicht aufnehmen möchte, „wir nennen das Abwehrprämie“, sagte der Makler und rechtfertigte diese Preispolitik sogleich mit der „Solidarität mit den bereits im Unternehmen Versicherten“, die sonst ja für die Behandlungskosten eines teuren Versicherten mit aufkommen müssten. Nun, mit einem derart hohen Krankenversicherungsbeitrag hätte man mich mit Sicherheit erfolgreich abgewehrt: Immerhin käme ich bei einem Zuschlag von 500% mal so eben auf 2.900 Euro Monatsbeitrag. Doch würde man mir tatsächlich einen solchen absurd hohen Tarif anbieten, um mich abzuwehren? Ich erzählte ihm, dass ich meinen Typ-1-Diabetes gut im Griff habe und deshalb keine ausufernden Kosten verursache. „Wie werden gut eingestellte Typ-1-Diabetiker denn üblicherweise bei Ihnen eingestuft?“, wollte ich wissen. Und er antwortete: „Egal welcher Diabetestyp und welche Art der Einstellung, Menschen mit bekanntem Diabetes wollen wir generell gar nicht aufnehmen.“

Ohne KSK bleibt nur die freiwillige Versicherung in der GKV

Im Klartext heißt das wohl: Abwehrprämie. So freundlich der Makler auch war, fühlte ich mich ziemlich vor den Kopf gestoßen. Denn führen wir uns mal vor Augen: Nicht jeder Selbstständige hat die Möglichkeit, sich über die KSK gesetzlich zu versichern. Vor der Aufnahme in die KSK steht eine haarkleine Prüfung, wie kreativ (und damit unterstützenswert) der ausgeübte Beruf tatsächlich ist. Einer meiner Kollegen, freiberuflicher Grafiker und seit vielen Jahren an Morbus Crohn erkrankt, hatte Pech. Die KSK stufte seine Tätigkeit als nicht ausreichend kreativ ein und verweigerte ihm die Aufnahme. Da ihn jedes PKV-Unternehmen – wenn überhaupt – nur zu absurden Konditionen (siehe oben) versichert hätte, blieb ihm nur die freiwillige Versicherung in der GKV. Da gibt es dann niemanden, der den Arbeitgeberanteil übernimmt – er muss die 14% GKV-Krankenkassenbeitrag plus Zusatzbeitrag komplett selbst berappen. Immer noch deutlich kostengünstiger als die PKV, doch trotzdem in meinen Augen ziemlich ungerecht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr sozialversicherungspflichtige Jobs abgebaut wurden, deren Arbeit nun von Freiberuflern erledigt wird, die für ihre soziale Absicherung selbst verantwortlich sind. Die Selbstständigen von heute sind nicht zwingend Firmenchefs und Großverdiener, sondern vielfach Kleinunternehmer wie mein Grafiker-Kollege und ich es sind.

Chronisch Kranke sind keine Bittsteller und Almosenempfänger

Der Zugang zu einer ordentlichen Krankenversicherung sollte in meinen Augen nicht vom Geldbeutel und auch nicht von möglicherweise vorhandenen Vorerkrankungen abhängig sein. Die ganz offensichtliche Risikoselektion innerhalb der PKV empfinde ich als zutiefst unsolidarisch und unsozial. Sie vermittelt in meinen Augen auch ein ziemlich entwürdigendes Bild von chronisch kranken Menschen. Deutlich wird dies in einem Interview mit dem hiesigen CDU-Kandidaten für den Deutschen Bundestag, Michael von Abercron, das kürzlich in den Elmshorner Nachrichten zu lesen war. Darin sprach sich von Abercron dafür aus, das System aus PKV und GKV zu einer dualen Pflichtversicherung umzubauen und wurde zitiert mit den Worten: „Klar ist auch, dass es immer ein Kreis von Menschen wie Arbeitslose oder Sozialleistungsempfänger gibt, die wir mittragen müssen. Denen muss man über eine Steuerfinanzierung helfen. Ebenso bei chronisch Kranken wird man mit diesem System ohne eine gute gesetzliche Krankenversicherung nicht klarkommen.“ Für mich klingt es da zwischen den Zeilen, als seien chronisch Kranke in erster Linie eine Belastung. Bittsteller, denen die Gesellschaft Almosen gönnen sollte. Pah! Dass unter den chronisch Kranken auch Menschen sein könnten, die gutes Geld verdienen und das System auf diese Weise mittragen, scheint in diesem Weltbild ebenso wenig vorzukommen wie das Leitbild, dass starke Schultern mehr zur Gemeinschaft beitragen sollten, damit alle ihre Mitglieder Zugang zu einer ordentlichen medizinischen Versorgung erhalten.

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Die meisten Ärzte lehnen die Bürgerversicherung vehement ab

Ich weiß aus meiner Arbeit für diverse ärztliche Berufsverbände, dass die Ärzteschaft die Bürgerversicherung vehement ablehnt. Ihre Haltung ist durchaus verständlich, schließlich werden in ihren Praxen nichtbezahlte GKV-Leistungen über die PKV quersubventioniert. Dennoch überwiegt in dieser Frage für mich meine Perspektive als Patientin und Versicherte. Ich wünsche mir ein Gesundheitssystem, in dem alle ohne vorige Gesundheitsprüfung zu denselben Konditionen ordentlichen Krankenversicherungsschutz erhalten. Wer Extras wie Chefarztbehandlung oder Einzelzimmer möchte, soll diese meinetwegen über Zusatzversicherungen abdecken. Und was die Vergütung der Ärzte angeht, so müsste in einer Bürgerversicherung ein Weg gefunden werden, die Einkommensverluste auszugleichen, die durch den Wegfall der PKV entstehen würden. Alles nicht trivial und schwer kalkulierbar. Aber in meinen Augen ein Gebot der Gerechtigkeit und Solidarität. Wie seht ihr das?

 

 

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2 Kommentare zu “Gedanken vor der Bundestagswahl: Warum ich das System PKV einfach nur Scheiße finde

  1. Hallo Antje! Mir geht es genauso. Ich ärgere mich auch über unser ungerechtes Gesundheitssystem. Umso wichtiger ist es, dass das Thema mal aufgegriffen wird. Vielen Dank für den Beitrag. Das Thema betrifft nicht nur alle Freiberufler, sondern auch Beamte, die chronisch krank sind. Man wird quasi gezwungen in die PKV zu wechseln, weil es keinen Beamtentarif in der GKV gibt und man dort ansonsten den „doppelten“ Beitrag bezahlen müsste. Die Beihilfe gibt es nur in der PKV. Als chronisch Kranker wird man hier wirklich sehr benachteiligt, was eigentlich dem Gedanken der Inklusion widerspricht…

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  2. Herr Doktor, Herr Doktor. Da schreit jemand nach Solidarität! Soll der auch in die Gummizelle? 😇

    Zum Ursprung des Wortes PRIVAT. Bedeutet eigentlich rauben oder berauben.

    Wenn ich mich recht erinnere bedeuet es auf Schwedisch immer noch Raub.

    Was sagen die Lateiner?
    http://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/privat-uebersetzung.html

    Das zählt für alles was privatisiert wird, z.B. ÖPP beim Autobahnbau usw (PPP auf Englisch, public privat partnership), wobei der Begriff PARTNER dehnbar ausgelegt wird.
    Hamburg hat sich zum Glück aus einem Teil dieser Privatisierungs Fallle zurückgekauft.

    Privat: 3. Person singular. == Er/sie/ es beraubt.

    Und jetzt kommst Du mit Deiner Solidarität, da lachen ja die Hühner. Nicht böse sein, ist nicht persönlich gemeint, aber dieses Ding, da kocht mir der Blut. In Deutschland und weltweit wird privatisiert und fast immer steckt der IWF dahinter, siehe Griechenland usw.

    Wenn alles privatisiert wird brauchen wir keine Regierung mehr, dann kann das z.B. GOOGLE übernehmen.

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