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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Diskriminierung bei „Dinner in the Dark“: Inklusion gilt auch für Menschen mit Diabetes!

3 Kommentare

Gestern ist in der Blood Sugar Lounge ein Beitrag von mir erschienen, in dem ich über meinen fehlgeschlagenen Besuch beim „Dinner in the Dark“ berichtet habe. Mit den zum Teil wirklich bösen Kommentaren bei Facebook hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Das Projekt „Dinner in the Dark“ gehört zum bekannten „Dialog im Dunkeln“. Ebenso wie „Dialog im Dunkeln“ will „Dinner in the Dark“ um Verständnis für Blinde und ihre Lebenswelt werben. Die Gäste bekommen in absoluter Dunkelheit von blinden Kellnern ein Überraschungsmenü serviert und können dabei einen kleinen Eindruck gewinnen, wie sich Alltag für Menschen anfühlt, die nicht sehen können. Doch für Menschen wie mich, die auch im Stockdunkeln wissen müssen, wie viele Kohlenhydrate in ihrem Essen enthalten sind, gab es vor ein paar Jahren (wohlgemerkt vor ein paar Jahren – ich weiß nicht, ob das immer noch so schlecht gehandhabt wird) keine Hilfestellung – im Gegenteil. 

Kohlenhydrate auszurechnen ist mühsam, aber weiß Gott kein Hexenwerk

Trotz mehrerer Telefonate konnte man mir im Vorfeld nicht sagen, wie viele Kohlenhydrate das Menü enthalten würde. Dabei brutzelt ein Koch bei so einem Event ganz sicher nicht spontan irgendetwas zusammen, sondern plant das mehrgängige Essen von langer Hand. Wenn dann eine Anfrage von einem Gast kommt, der die Gesamtsumme der Kohlenhydrate wissen möchte, dann muss er eigentlich nur die kohlenhydrathaltigen Lebensmittel, die in dem Menü enthalten sind, abwiegen und den Kohlenhydratanteil ausrechnen. Tabellen dafür gibt es im Internet zuhauf, zum Beispiel hier. Genauso mache ich es übrigens auch, wenn ich ein Rezept ausprobiere und dann hier auf meinem Blog poste. Weil ich weiß, dass für meine Leserinnen und Leser die möglichst genauen Kohlenhydratangaben wichtig sind, rechne ich alles aus und kontrolliere meine Rechnung sogar noch einmal nach. Ist ein bisschen mühselig, aber weiß Gott kein Hexenwerk. Wenn man denn weiß, was überhaupt Kohlenhydrate sind und worin sie – so ganz grob – überall enthalten sind – was ich von einem professionellen Koch oder Caterer aber glaube erwarten zu dürfen.

Auf Facebook gab es wirklich grenzwertige Kommentare zu meinem Beitrag

Wenn ihr die ganze Story lesen möchtet, klickt einfach hier. Gestern ist sie in der Blood Sugar Lounge erschienen und wurde auf den Facebook-Seiten der Blood Sugar Lounge und auch des Diabetes Journals geteilt. Was mich nun veranlasst, hier gesondert darüber zu schreiben, sind einige der wirklich grenzwertigen Kommentare, die hierzu auf den beiden Facebook-Seiten zu lesen sind. Auszüge gefällig (Orthographie und Grammatik stammen von den jeweiligen Verfassern, nicht von mir…)?

Du verlangst vom dienstleister eine extrawurst. Du bekommst sie nicht. Das ist keine diskriminierung. Diskriminierend wäre es, wenn er allen anderen die kh mitteilt, dir aber nicht, weil du diabetiker ist. Aber hey, ok. Wenn du dich diskriminiert FÜHLST, dann ist das so. Verklag ihn. Verklag ihn darauf, bestandteile des essens zu erfahren bei einem konzept, bei dem man nicht wissen soll, was man isst. Oder denk dir selber etwas aus, wo du diabetes mit essen verbindest und gesunden menschen anbietest. Zb mit spritzen von kochsalzlösungen. Aber deine erzälhlung und beschwerde halte ich für vollkommen verquer. Du kannst halt blinde nicht mit diabets vergleichen.

So ein Kommentar macht mich wirklich ärgerlich. Man kann das natürlich „Extrawurst“ nennen, aber dann wäre auch eine Rampe für den Zugang mit einem Rollstuhl eine „Extrawurst“, ebenso wie die Übersetzung in Gebärdensprache im TV oder Beschilderung in Braille. Oder die Kennzeichnung von Allergenen in Lebensmitteln. Es gibt sehr viele Menschen mit Behinderungen oder besonderen Bedürfnissen, und sie haben alle ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der „Dialog im Dunkeln“ versteht sich selbst als eine Institution, die für genau diese Themen sensibilisieren will. Für mich geht es da um Inklusion, wenn ich ein paar gesonderte Informationen benötige, damit ich problemlos an dem Event teilnehmen kann. Das Recht auf Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben gilt für alle Menschen. Nachzulesen zum Beispiel in der UN-Behindertenrechtskonvention. Diabetes ist eine Einschränkung, für viele sogar eine eingetragene Behinderung. Ich habe nicht umsonst einen Schwerbehindertenausweis mit 50 GdB.

Dann einfach zu MC Doof gehen und nicht wegen so einem Mist jammern. ‪Schwachsinn im Quadrat sich über so etwas aufzuregen.

Nun, McDonalds gehört nicht zu den Läden, in denen ich gern esse. Auch wenn sie in Sachen Lebensmittelkennzeichnung vorbildlich sind. Ich finde, es ist doch eher ein Armutszeugnis für einen Anbieter, dass er in Sachen Kundenservice nicht mit einem Fast Food-„Restaurant“ mithalten kann, in dem es eher um Fließbandabfertigung als um genüssliches Essen geht.

Verrückt, der erfahrene Diabetiker lacht über so ein Problem. ‪Der „Anfänger“ gerät da schon in Panik.

Ich bin heute nach mittlerweile 7 Jahren Diabetesdauer eine deutlich erfahrenere Diabetikerin als damals. Überhaupt nicht zu wissen, wie viele Kohlenhydrate ich in den kommenden 2 oder vielleicht auch 3 Stunden quasi blind in einem Überraschungsmenü zu mir nehmen werde, würde mich heute noch genauso nervös wie damals machen, weil ich Glukosekurven mit heftigen Ausschlägen (wie ich sie auf dem Freestyle Libre nachvollziehen kann) nun mal nicht mag, weil sie meinem Körper nicht guttun. Und heute wie damals denke ich, dass ein Koch Kohlenhydrate ausrechnen können sollte und dass insbesondere ein Projekt wie „Dialog im Dunkeln“ einen Inklusionsauftrag hat.

Ernsthaft? Meine Fresse! Manche Menschen sollte man tatsächlich auf ihren Jammerlappen-Geistezustand untersuchen lassen.

Wenn es mir gehen würde wie Antje , dann könnte ich mir einen Schuss geben.
Geht noch weniger als Null Hirn ? in diesem Fall: Ja

Das sind Kommentare, auf die ich wohl nicht näher eingehen muss. Einfach ein typisches Beispiel für die widerliche Diskussions“kultur“ in den sozialen Medien nach dem Motto: Einfach mal draufhauen, ich sehe den Menschen ja nicht, den ich hier so frontal angreife, indem ich seinen Geisteszustand infrage stelle.

Ich hätte eben geschätzt. Und evtl hinterher gespritzt. Ist ja nicht so dass ne spitze gleich dramatische Auswirkungen hat. Aber das allgemeine Prozedere ist echt unterirdisch…
Hmmm, ich wage zu bezweifeln, dass man vernünftig schätzen kann, wenn man das Essen überhaupt nicht sehen kann. Mein Bruder war mal im „Dinner in the Dark“ und sagte hinterher, er habe blind nicht mit Sicherheit erkennen können, was er da gegessen hat. Er hat auf Krokette getippt, war sich aber nicht sicher. Ohne das Essen zu sehen, kann man die Menge auch nur sehr schwer einschätzen – man kann ja nur mit seinem Besteck auf dem Teller herumtasten und wird nur schwer wirklich mitkriegen, wie voll der Teller ist und wie viel Platz die kohlenhydrathaltigen Beilagen einnehmen.
Es gab natürlich auch andere Meinungen auf Facebook – auch von Menschen, die sich ebenso wie ich über die oben genannten Kommentare aufgeregt haben. Zum Beispiel diesen hier:

Also nur weil man Diabetiker ist darf man gewisse Unternehmungen nicht machen oder verstehe ich eure Kommentare falsch ? Was war schwer daran der Frau die Angabe der Kohlenhydrate durch zu geben? Sie hätte sich danach richten können und einen schönen Abend mit ihren Mann verbringen können.

Haargenau erfasst. Ich hätte einen schönen Abend mit meinem Mann haben können. Der  wollte auch gern mit seiner Frau dort hingehen und nicht mit jemand anderem, auch wenn eine andere Person nicht so lästig nach Kohlenhydraten hätte fragen müssen. Das genau wurde mir nämlich am Ende der erfolglosen Telefonrecherche dann von dem hoffnungslos überforderten Mitarbeiter vorgeschlagen: „Ihr Mann kann doch mit jemand anderem hingehen und den Gutschein einlösen!“ Das genau war der Moment, in dem ich mich diskriminiert und unerwünscht fühlte.

Allergene, Farb- und Konservierungsstoffe… und bitte auch Kohlenhydrate!

Ich frage mich inzwischen noch etwas ganz anderes: Sollten wir Diabetiker (anstatt uns gegenseitig zu bepöbeln) uns nicht lieber gemeinsam dafür stark machen, dass auch für uns Barrieren im Alltag abgebaut werden? Zum Beispiel, indem man die Gastronomie dafür sensibilisiert, nicht nur Allergene, Farb- und Konservierungsstoffe zu kennzeichnen, sondern auch die Nährwertangaben zugänglich zu machen? Kein Veganer, Erdnussallergiker oder Mensch mit Laktoseintoleranz tut sich schwer damit, im Restaurant nachzufragen, ob das Essen etwas von dem enthält, das er nicht essen möchte oder kann. Warum fragt kaum ein Diabetiker mal nach, wenn die Informationen doch für seine Diabeteseinstellung hilfreich sind? Es gibt rund 8 Millionen Diabetiker in Deutschland. Wir sind nicht gerade eine kleine Minderheit. Und für alle von uns ist es gut zu wissen, ob ein Gericht eine Kohlenhydratbombe ist, nur in moderatem Umfang oder gar keine Kohlenhydrate enthält. Ich finde, wir sollten uns ruhig deutlicher bemerkbar machen und uns nicht für unsere „speziellen Bedürfnisse“ schämen. Wie seht ihr das?

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3 Kommentare zu “Diskriminierung bei „Dinner in the Dark“: Inklusion gilt auch für Menschen mit Diabetes!

  1. Antje, ich bin ganz bei dir!

    Gefällt 1 Person

  2. Oh ja, da ich ich auch ganz bei dir! Vor allem im letzten Absatz. Zumal wir uns den Diabetes ja alle nicht ausgesucht haben. Ich finde es auch durchaus frech ein Veganer oder Vegetarier vorzuwerfen, dass er sich ja schließlich selber dazu entschieden hätte, sich so zu ernähren. Aber als Diabetiker war es nichtmal eine freiwillige Lebensentscheidung à la „Ich habe beschlossen mich jetzt „diabetisch“ zu ernähren!“

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Antje,
    danke für deinen Beitrag und die Haltung! Ich habe leider nicht immer so viel Mut wie mancher Veganer/Vegetarier oder Allergieker, um offen zu fragen, was da alles im Essen versteckt ist. So vermeide ich zwar viele unerwünschten Kommentare, frage mich aber immer wieder: „Wofür sollte ich mich da eigentlich schämen?“
    Ich bin auch auf deiner Seite und würde es sehr begrüßen, wenn die KH-Angabe schon bald zu einer Selbstverständlichkeit wird.

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