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Verpatzter Erste-Hilfe-Einsatz und ein megaschlechtes Gewissen

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Hand auf’s Herz: Wer von euch weiß, was bei einem medizinischen Notfall zu tun ist? Ich reagiere offenbar konfuser als mir lieb ist, wie ich neulich beim Elmshorner Stadtlauf feststellen musste. Dort geriet ein älterer Herr ins Stolpern und stürzte mitten auf’s Gesicht. Besonders furchtbar: Ich war nicht in der Lage, besonnen und vernünftig zu reagieren.

Auf den Elmshorner Stadtlauf blicke ich in diesem Jahr mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Zum einen voller Stolz, weil unsere Läufer vom Willkommensteam für Flüchtlinge so toll abgeschnitten haben. Wir hatten in den Wochen vor dem Lauf zusammen bei „Fit für den Stadtlauf“ trainiert, die Läufer aus Eritrea, Afghanistan und Syrien waren begeistert bei der Sache, die anderen Teilnehmer des Laufkurses waren nett und aufgeschlossen gegenüber den Neulingen, die beiden Trainer machten einen super Job und dachten sich immer wieder neue Laufspiele aus, mit denen sie die Kursteilnehmer miteinander in Kontakt bringen konnten. Mehr darüber kann man auf der Homepage des Willkommensteams nachlesen, wo ich ausführlich über den Stadtlauf berichtet habe. Eins steht fest: Das war eine tolle Aktion!

Der Mann hatte eine Platzwunde auf der Stirn und Blut im Mund

Für mich selbst gab es allerdings einen Wermutstropfen beim Stadtlauf. Ich startete viel weiter hinten als unsere schnellen Jungs aus Eritrea, deshalb war ich auf der 5 Kilometer langen Strecke natürlich in einem ganz anderen Feld unterwegs. Ich war noch nicht einmal einen Kilometer gelaufen, da geriet in der Königstraße ein paar Menschen vor mir ein älterer Läufer ins Straucheln und stürzte. Augenblicklich standen eine ganze Reihe Menschen um ihn herum, die Panik war greifbar. Als ich näherkam, sah ich auch, warum: Der Mann war offenbar direkt auf sein Gesicht gestürzt und hatte sich verletzt. Aus einer Platzwunde auf der Stirn rann Blut auf das Pflaster der Fußgängerzone. Die ersten Helfer vor Ort versuchten, ihn in die stabile Seitenlage zu drehen. Doch er krampfte und trat um sich. Ich habe noch nie erlebt, wie jemand einen epileptischen Anfall hat, doch so ungefähr stelle ich mir das vor. Auch in seinem Mund war Blut, möglicherweise hatte er sich Zähne ausgeschlagen oder sich auf die Zunge gebissen?

Schnell 110 anrufen? Nein, 112 wäre natürlich richtig gewesen…

Geschockt blieb ich neben dem Mann und seinen Ersthelfern stehen. Hatte jemand schon den Rettungswagen gerufen? Wussten die alle, was zu tun ist? Alle Umstehenden redeten durcheinander, ich griff intuitiv nach meinem iPhone, das in einer Tasche meiner Laufhose steckte. Ein Passant, sichtlich aufgeregt wegen des Notfalls, sah mich unschlüssig mit dem Telefon hantieren und herrschte mich an: „Na los, 110 anrufen!“ Was natürlich Quatsch war, denn den Rettungswagen benachrichtigt man bekanntlich unter 112. Aber ich war wie benommen und wählte tatsächlich 110, wie er es gesagt hatte. Die Leitstelle der Polizei meldete sich, hörte sich kurz an, um was es ging und unterbrach mich: „Ich leite Sie mal weiter an die Rettungsleitstelle.“ Wertvolle Sekunden verstrichen, in denen ich mir ziemlich blöd vorkam.

Es sind Leute da, die ihm helfen, aber er krampft und er blutet

Als ich schließlich jemanden von der Rettungsleitstelle an der Strippe hatte, gelang es mir zwar, erst einmal die klassischen W-Fragen zu beantworten (vielleicht, weil mir die auch aus dem Journalismus vertraut und in Fleisch und Blut übergegangen sind?): Wo? Was? Wer? „Ich bin Antje Thiel, hier in der Königstraße in Elmshorn ist ein Läufer beim Stadtlauf auf’s Gesicht gestürzt und verletzt.“ Soweit, so gut. Doch dann begann ich zu plappern, weil ich das Gefühl hatte, dass das Rettungsteam möglichst viele Informationen haben sollte. Konfus schilderte ich alles, was ich wahrnahm: „Der Mann blutet am Kopf. Er krampft. Es sind Leute da, die ihm helfen, aber er krampft. Er blutet. Bitte schicken Sie einen Rettungswagen in die Königstraße, auf der Höhe von Modehaus Ramelow und Rossmann, der Mann krampft und blutet.“ Der Mann am anderen Ende des Telefons aber hatte ganz andere Prioritäten: „Ist der Verletzte ansprechbar?“ Das konnte ich nicht richtig beurteilen, denn es standen ein paar andere um ihn herum. „Ich weiß es nicht, aber er blutet und er krampft…“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung wurde nun langsam etwas ungeduldig und sagte sehr bestimmt: „Ich muss zuerst wissen, ob der Mann ansprechbar ist!“ Ups. Natürlich gibt es da Prozesse, die eingehalten werden müssen. Sollte ich als Medizinjournalistin, die durchaus schon mal über notfall- und intensivmedizinische Themen geschrieben hat, eigentlich wissen.

Sonnen-Apotheke? Nein, hier ist keine Sonnen-Apotheke

Ich wandte mich an die Ersthelfer, die um den Verletzten herumstanden: „Ist er ansprechbar? Reagiert er auf euch?“ Deren Antworten waren allerdings nicht wirklich hilfreich, denn eine Frau, die neben dem immer noch blutenden und krampfenden Mann hockte, sagte: „Nein, ist er nicht.“ Und ein anderer sagte: „Ja, ist er.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung wollte nun wissen, wo genau in der Königstraße wir uns aufhielten, damit der Rettungswagen an den richtigen Ort kommt. „Wir haben einen weiteren Notruf aus der Königstraße, allerdings hieß es da, der Mann liege vor der Sonnen-Apotheke. Ich muss wissen, ob es um denselben Notfall geht. Ist in Ihrer Nähe auch die Sonnen-Apotheke?“ Ich schaute mich um. Ich sah Ramelow auf der einen Seite der Straße, Rossmann auf der anderen. Die Sonnen-Apotheke sah ich nicht (obwohl die, wie ich später bemerkte, als ich nach dem Stadtlauf noch einmal durch die Königstraße ging, direkt neben Rossmann liegt).

Rettungssanitäter auf Fahrrädern und ein Rettungswagen im Anmarsch

Der Mann von der Rettungsstelle sagte: „Fragen Sie die anderen Helfer dort, ob einer von ihnen Herr Schulze (ich glaube, so war der Name) heißt, der hat nämlich den anderen Notruf abgesetzt.“ Es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um denselben Notfall handelte, der Rettungswagen war also längst im Anmarsch. Mein Anruf wäre gar nicht mehr notwendig gewesen. Während ich noch den Mann von der Rettungsleitstelle am Telefon hatte, sah ich zwei Rettungssanitäter auf Fahrrädern herankommen, gefolgt von einem Rettungswagen. Ich sagte dem Mann am Telefon, dass nun professionelle Hilfe da ist. Er bedankte sich für meinen Notruf und legte auf.

20 Minuten nach unserem schnellsten Teamläufer war auch ich im Ziel

Für mich gab es am Unfallort nichts mehr zu tun. Während alle um den Verletzten herumwuselten und ich mich an meinem kläglichen Notruf versucht hatte, hatte ich nicht eine Sekunde an den Lauf gedacht. Sollte ich jetzt weiterlaufen? Der Unfall hatte mir ziemlich die Stimmung verhagelt, eigentlich war mir nicht mehr nach Laufen. Mein Glukosewert war infolge der Aufregung auch in die Höhe geschnellt. Andererseits war ich Teil eines Teams, und unser Willkommensteam war kurz vor dem Start sogar eigens angesagt worden: „Und hier kommen die Läufer des Willkommensteams für Flüchtlinge mit der Vorsitzenden des Vereins, Antje Thiel…“ Da wäre es doch ziemlich peinlich, wenn ich nach so einer Ansage überhaupt nicht im Ziel ankommen würde. Also setzte ich mich doch wieder in Trab. Nach und nach überholte ich erst die Walker, dann die Schulklassen. Nach insgesamt gut 37 Minuten war ich im Ziel angelangt, beinahe 20 Minuten nach unserem schnellsten Lauftalent des Willkommensteams, Knfe aus Eritrea. Die Unterbrechung wegen des Erste-Hilfe-Einsatzes war mir wie eine Ewigkeit vorgekommen, doch dank meiner App Runtastic konnte ich nachvollziehen, dass ich den Lauf am Unfallort für genau 3:15 Minuten unterbrochen hatte.

Ich habe Typ-1-Diabetes und könnte selbst einmal Erste Hilfe brauchen

Während des gesamten restlichen Laufs ärgerte ich mich über meine misslungene Leistung als Ersthelfer und dachte darüber nach, dass ich dringend einen Ersthelfer-Kurs absolvieren sollte. Ich möchte wissen, wie man Verletzten am Unfallort hilft, ohne Chaos anzurichten. Möchte mich sicher fühlen in dem, was zu tun ist. Himmel, ich bin in einem Arzthaushalt aufgewachsen und verdiene als Medizinjournalistin meine Brötchen! Da kann man doch nicht so unwissend sein! Und nicht zuletzt könnte ich selbst durchaus einmal auf Erste Hilfe von Fremden angewiesen sein. Schließlich habe ich Typ-1-Diabetes und könnte im Falle einer Hypoglykämie auch mal bewusstlos umkippen und mich verletzen. Glücklicherweise ist mir Derartiges im Verlauf meiner Diabeteskarriere noch nie passiert, aber ein höheres Risiko als Stoffwechselgesunde habe ich dennoch. Und hoffe natürlich, dass im Fall der Fälle kundige Ersthelfer vor Ort sind, die Ruhe bewahren und umsichtig die richtigen Schritte einleiten, bis die Profis den Fall übernehmen.

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Ich bin also nun auf der Suche nach einem Wochenendkurs, bei dem ich mich zum Ersthelfer ausbilden lassen kann. Wer von euch hat so einen Kurs gemacht und könnte selbst im Notfall helfen?

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5 Kommentare zu “Verpatzter Erste-Hilfe-Einsatz und ein megaschlechtes Gewissen

  1. Du hast doch alles richtig gemacht. Wenn so viele Leute vor Ort waren, ist es nur logisch, dass Chaos entsteht. Lieber ein Notruf zu viel als einer zu wenig. Ein Kurs ist sicherlich sinnvoll. Leider sind die meisten Situationen nur leider nicht so eindeutig wie im Lehrbuch. Wichtig ist, dass man überhaupt etwas tut. Jemanden, der gerade krampft, in die stabile Seitenlage bringen zu wollen, ist übrigens nicht förderlich.
    Mach Dir kein schlechtes Gewissen. Mehr konntest Du nicht tun.

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  2. P.S. Streiche ein „leider“ 😬

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  3. Danke für deinen Trost. Ja, es waren schon genug Leute um den Mann herum. Wäre ich allein Zeugin seines Unfalls gewesen, hätte es zumindest keine Verwirrung mehr gegeben, ob schon ein Notruf abgesetzt wurde. Und dann hätte ich auch selbst feststellen müssen (und können), ob der Verletzte ansprechbar ist. Aber der Vorfall hat mir echt Angst gemacht.

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