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Freestyle Libre: Diabetiker wollen Kurven statt Punkte!

3 Kommentare

Die Firma Abbott Diabetes Care vermarktet ihr Flash Glukose Messsystem (FGM) „Freestyle Libre“ zwar durchaus selbstbewusst als „Meilenstein in der Diabetestherapie“. Doch mit dem aktuellen Massenansturm auf das neue Produkt hatte das Unternehmen offenbar nicht gerechnet.

Herzlichen Glückwunsch an die Firma Abbott Diabetes Care: Was seit Einführung des neuen Freestyle Libre Glukosemesssystems in der Diabetes Community los ist, kann man eigentlich nur mit Massenhysterie vergleichen, die regelmäßig beim Verkaufsstart einer neuen Generation iPhone ausbricht. Schon seit Jahresbeginn 2014 kursierten Gerüchte, dass die Firma Abbott ein neues Glukosemesssystem herausbringen wird, eine Art CGM (Continuous Glucose Monitoring, kontinuierliche Glukosemessung), aber letztlich dann doch kein CGM, weil es zwar den Gewebezucker in der Unterhaut misst, aber nicht permanent die Messwerte an das Handgerät überträgt. Vor allem aber sollte es deutlich kostengünstiger als ein CGM und damit für viel mehr Diabetiker bezahlbar sein. Es wurde allerhand gemunkelt von einer Art „CGM light“.

Erste Erfahrungsberichte aus der Blogger-Szene

Wer sich als Typ-1-Diabetiker regelmäßig in den einschlägigen Facebook-Gruppen tummelt und Diabetes-Blogs liest, der wusste ungefähr ab September 2014 ein bisschen genauer, um was es geht: Im Spätsommer hatte Abbott nämlich einige Diabetes-Blogger nach Berlin eingeladen, um das Flash Glucose Monitoring (FGM) mit dem Namen „Freestyle Libre“ an einem WG-Wochenende inklusive gemeinsamem Einkaufen und Kochen sowie diversen sportlichen Aktivitäten auf Herz und Nieren zu testen. Die Erfahrungen der Tester waren überwiegend positiv und lassen sich in ihren Blogbeiträgen nachlesen (zum Beispiel bei Sascha, Ilka, Matthias, Tine und Bente).

Ein dünner Fühler misst den Glukosegehalt im Unterhautfettgewebe

Der informierte Leser wusste nun, dass das Freestyle Libre Messsystem aus einem Sensor von der Größe einer 2-Euro-Münze und einem kleinen Scangerät besteht. Der Sensor wird hinten am Oberarm angebracht und misst über einen dünnen Fühler minütlich den Glukosegehalt des Unterhautfettgewebes. Mit einem sekundenkurzen Scanvorgang – ohne Händewaschen, ohne Pieks und ohne Blut, auch durch die Kleidung hindurch – lassen sich diese Messdaten einfach auslesen. Der Nutzer erhält nicht nur eine Momentaufnahme in Form eines aktuellen Glukosewertes, sondern darüber hinaus eine Verlaufskurve mit dem Glukoseprofil der vergangenen acht Stunden. Über ein USB-Kabel lassen sich die Daten aus dem Scangerät an den Rechner übertragen und mit der dazugehörigen Software umfangreich auswerten.

Livestream der ersten Bestellungen via Facebook

Es dauert nicht lange, da gab es eine eigene Facebook-Gruppe für das FGM, die mittlerweile 460 Mitglieder zählt. Wer genug Zeit und Muße mitbrachte, konnte hier in den vergangenen Wochen verfolgen, wann der Online-Shop von Abbott (in England, Holland und dann auch in Deutschland) freigeschaltet wurde, wer wann sein Starterset bestellt und wann Abbott sein Paket mit welcher Trackingnummer an DPD übergeben hatte. Es folgten unzählige Bilder von frisch geöffneten Versandkartons, gesetzten Sensoren und Messverläufen im Vergleich zur Blutzuckermessung. Und natürlich Diskussionen über Messgenauigkeit, Haftung des Pflasters, den Kundenservice von Abbott, die Kulanz bei defekten Sensoren etc. pp. Mittlerweile gibt es erste Anbieter für Diabetes-Täschchen, die über eine extra Halteschlaufe für das Lesegerät des Freestyle Libre verfügen.

Täschchen für Libre

Nadine Niederschlag-Grebe betreibt den Online-Shop http://www.pumpentaschen.com und hat seit Neuestem ein Täschchen mit Extralasche für das Freestyle Libre im Sortiment

Aktuell können nur Bestandskunden Sensoren bestellen

Der Ansturm auf das neue Messsystem übertraf sämtliche Erwartungen des Herstellers. Informationen zur Zahl der bislang verkauften Systeme rückt Abbott zwar nicht heraus, doch die Lagerbestände sind derart knapp, dass im Online-Shop von Abbott derzeit nur noch Bestandskunden Sensoren nachbestellen können. Neukunden werden auf das erste Quartal 2015 vertröstet. Die von Abbott beauftragte PR-Agentur erklärte mir, die Produktion müsse um 75 Prozent ausgeweitet werden, hierfür werde nun der Bau einer bereits geplanten neuen Produktionslinie vorgezogen, damit in ein paar Monaten die Nachfrage aller Interessenten befriedigt werden kann. Wer so lange nicht warten mag, kann auf findige Verkäufer bei Ebay ausweichen, muss aber mit deutlich höheren Kosten rechnen: Aktuell werden in zwei Auktionen für Starter-Sets (Scangerät inklusive USB-Kabel und zwei Sensoren, Listenpreis 169 Euro) deutlich über 200 Euro geboten – Laufzeit der Auktionen jeweils noch mehr als eine Woche…

Kinderkrankheiten schaden der Popularität nicht

Dieser offensichtliche Hype mag manch einen überraschen, der von dem Messprinzip und vor allem der Messgenauigkeit des Systems noch nicht überzeugt ist. Tatsächlich haben sich in den einschlägigen Facebook-Gruppen schon eine ganze Reihe negativer Erfahrungsberichte angesammelt, wonach die Messwerte des Freestyle Libre zum Teil doch erheblich von parallel gemessenen Blutzuckerwerten abweichen, die Bedienoberfläche des Scangeräts vielen Nutzern nicht zusagt und das System möglicherweise noch eine ganze Reihe anderer Kinderkrankheiten überwinden muss (mein persönlicher Erfahrungsbericht zum Freestyle Libre folgt übrigens in Kürze, denn natürlich war auch ich neugierig und habe das System getestet). Der Beliebtheit des Freestyle Libre scheint das alles nicht zu schaden. Denn mit dem neuen Messsystem hat Abbott offenbar einen Nerv getroffen: Wir Diabetiker wünschen uns eine unkomplizierte, schnelle und schmerzfreie Form der Glukosemessung. Wir möchten möglicherweise mehr Daten als nur 600 punktuelle Messwerte pro Quartal erheben – obwohl unser Diabetologe uns nicht mehr Teststreifen verschreiben kann, ohne gegenüber seiner Kassenärztlichen Vereinigung unter Rechtfertigungsdruck zu geraten. Wir möchten unsere Glukoseverläufe erkennen und verstehen, um auf Basis dieser Informationen unsere Therapie optimieren zu können. Deshalb scheint mir der von Abbott eingeschlagene Weg – trotz nicht zu leugnender Probleme – der richtige zu sein. Wir wollen Kurven statt Punkte!

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3 Kommentare zu “Freestyle Libre: Diabetiker wollen Kurven statt Punkte!

  1. Pingback: Erfahrungsbericht Freestyle Libre: Schon ziemlich toll, ABER… | Süß, happy und fit!

  2. Hallo zusammen,
    ich bin seit 10 Jahren Diabetiker Typ1 und habe seit 1 Woche (nach 9 Monaten Wartezeit) das Freestyle Libre System im Einsatz und bin voll begeistert.

    Nun sagt mir meine Krankenkasse (Techniker), dass es keine Zuzahlungen mehr gibt und beruft sich auf ein Urteil vom 08.07.2015 vom Bundessozialgericht.

    Hat jemand Erfahrungen oder gibt es eine andere Krankenkasse, die evtl. Zuzahlungen übernimmt.

    Ich freue mich über Eure Antworten.

    Gruß
    Michael

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  3. Pingback: Blutzucker messen – wie oft kommt das eigentlich noch im Alltag vor? | Süß, happy und fit

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